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Ein weißer Plastikstuhl und die letzte Umarmung

  • victoriasavor
  • 25. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Samo pomalo.

Mit weißen Plastikstühlen verbindet wahrscheinlich jede Kultur irgendetwas. Sie stehen auf Balkonen, in Gärten, vor Cafés, auf Familienfeiern oder einfach irgendwo dort, wo Menschen zusammenkommen. Für mich sind sie untrennbar mit den Sommern in Kroatien verbunden: mit meiner Familie, dem alten Garten meiner Großeltern und vor allem mit meinem Opa, der gefühlt einen großen Teil seines Lebens auf genau so einem Plastikstuhl verbracht hat.

Mein Opa konnte stundenlang dort sitzen. Er schaute in den Garten, rauchte seine Zigarette und beobachtete einfach, was um ihn herum passierte. Während alle anderen ständig irgendwohin mussten, etwas erledigen oder den nächsten Termin im Kopf hatten, schien er nie das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Er saß einfach da. Samo pomalo. Auf Kroatisch bedeutet das ungefähr: immer mit der Ruhe, langsam machen, eins nach dem anderen. „Samo malo“ heißt so viel wie „nur kurz“ oder „nur ein bisschen“, „čekaj malo“ – „warte mal“. Alles Ausdrücke, die dieses typische Gefühl von kein Stress, wir haben Zeit tragen. Für meinen Opa waren das weniger ein Sprüche als eine Lebenseinstellung.

Platikstuhl im Sommer
Erinnerung an meinen Opa

Damals habe ich mir über diesen Plastikstuhl natürlich keine Gedanken gemacht. Er war einfach da. Genau wie der Garten, die Terrasse, Omas Hühnersuppe und all die anderen Dinge, die zu unseren Sommern gehörten. Erst später habe ich verstanden, wie sehr solche völlig alltäglichen Dinge mit Erinnerungen verbunden sein können.

Nach einer langen Krankheitsgeschichte und mehreren Aufenthalten im Krankenhaus sah es für meinen Opa an Ostern zunächst überraschend gut aus. Er kam spontan aus dem Krankenhaus heraus und als wir durch die Tür traten, sagte er mit großen Augen: „Na, Gott sei Dank! Ich dachte, wir würden uns erst auf meiner Beerdigung sehen.“ Wir mussten lachen. Er war nicht ganz fit, aber er hatte sich ganz oki gehalten.

Einige schöne Tage vergingen, bis es schließlich Zeit war, sich wieder zu verabschieden. Egal, wie alt man ist – dieses herzzerreißende Gefühl, ein Zuhause zu verlassen und zurück ins andere Zuhause zu fahren, kann man irgendwie niemandem erklären. Mein Opa saß draußen auf der schattigen Terrasse, auf seinem Plastikstuhl, und blickte auf die Straße. Ich setzte mich zu ihm und wir sprachen über alles Mögliche. Irgendwann drückte ich meine Zigarette aus und sagte, dass es Zeit sei zu gehen. Man hat ja schließlich eine lange Fahrt vor sich und wie jeder Yugo fährt man natürlich kurz vor knapp los, damit man am nächsten Morgen komplett übermüdet wieder bei der Arbeit sitzt.

Normalerweise liefen unsere Verabschiedungen immer gleich ab: eine kurze Umarmung, ein „Wir sehen uns“ und ein zustimmendes Nicken. Aber dieses Mal nicht. Mein Opa und ich umarmten uns lange. Normalerweise ließ er schnell los, dieses Mal nicht. Danach schauten wir uns mehrere Sekunden lang in die Augen. Es war still, gefühlt eine Ewigkeit.

Und da wusste ich es: Das ist das letzte Mal, Vicky. Es wird kein Wiedersehen geben.

„Ajde“, sagte mein Opa, als er sich wieder auf seinen Plastikstuhl setzte. Ich berührte sanft sein Knie und küsste ihn auf die Stirn. Wir sagten nichts mehr. Ein letztes Mal drehte ich mich um, meine Sicht bereits verschwommen.


Mein damaliger Freund, heute mein Mann, wartete bereits im Auto. Als wir losfuhren, fing ich an zu weinen. „Das war das letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben.“ Mein Freund versuchte, mich zu beruhigen. Vielleicht würde er sich wieder erholen. Vielleicht würde alles doch noch gut werden.

Ein paar Monate später fuhr ich wieder in die Heimat. Nicht, um ihn wiederzusehen, sondern zu seiner Beerdigung.

Seitdem hat sich meine Sicht auf diesen Plastikstuhl verändert. Früher war er einfach ein Teil des Gartens. Heute ist er für mich der Ort, an dem ich meinen Opa zum letzten Mal gesehen habe. Ein ganz gewöhnlicher Gegenstand, der plötzlich eine Erinnerung trägt, die ich nie wieder loswerden möchte.

Genau deshalb ist dieses Bild entstanden. Ich wollte kein klassisches Porträt meines Opas zeichnen und auch keinen bestimmten Moment möglichst realistisch festhalten. Ich wollte den Gegenstand zeichnen, der für mich so untrennbar mit ihm verbunden ist: den weißen Plastikstuhl, auf dem er so viele Stunden verbracht hat und auf dem er auch bei unserer letzten Begegnung saß.

Vielleicht sind es genau diese unspektakulären Dinge, die am Ende am meisten bleiben. Ein Stuhl auf einer Terrasse. Eine Zigarette. Ein Blick in den Garten. Der leichte Geruch von Sellerie, der irgendwo in der Luft liegt. Dinge, die damals völlig selbstverständlich waren und heute plötzlich eine ganze Zeit meines Lebens zurückbringen können.

Heute steht sein Plastikstuhl leer. Doch die Erinnerungen bleiben.

Samo pomalo. Samo malo. Čekaj malo.

Immer mit der Ruhe. Kein Stress. Wir haben Zeit.

Vielleicht ist das die schönste Erinnerung, die ich von meinem Opa behalten kann: dass nicht immer etwas passieren muss. Dass man manchmal einfach sitzen, in den Garten schauen und den Tag vorbeiziehen lassen darf.

Samo pomalo eben.

 
 
 

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